Ziehen wir als Beispiel die Neuauflage des Gespenster-Krimis im Bastei-Verlag zur Rate, die am 23. Oktober 2018 startete und vielen alten Fans das wiederzugeben versucht, was sie bereits von 1973 bis 1985 begeisterte. Das Konzept besteht aus Nachdrucken alter Klassiker und aus neuen Geschichten, die vorher noch nicht erschienen sind. Neue Autoren scheitern aber sichtbar am Anspruch der alten Fans, was eine bestimmte Atmosphäre betrifft, die Erzähldichte und den Stil. Aber das ist bei Neuauflagen immer ein Balanceakt zwischen Bewahrung und Neuerfindung.
Morgan D. Crow und Musgrave Hall
Einer der neueren Autoren, die wahre Meister darin sind, eine spezifische Atmosphäre zu schaffen, die gleichzeitig gemütlich und spannend ist, ist Morgan D. Crow, der gleich mit seinen ersten Roman "Der Schrecken aus dem Meer" (2022) ein Statement setzte, das niemandem entgehen konnte. Seine Geschichten spielen in England im Jahr 1926, und die Bände drehen sich um Musgrave Hall, Lady Eliza Fitzgibbon und ihren Freund Professor Harker. Was beim Lesen seiner Romane sofort auffällt ist die Sprachbeherrschung; Morgan transportiert seine Handlung zwar immer leichtfüßig, allerdings zeigt seine Wortwahl und sein Rhythmus ein erstaunliches Vermögen an poetischer Gabe, die niemals blümerant oder fehl am Platz wirkt. Es ist nicht selten, dass Autoren ihr Setting in der Vergangenheit aufbauen, aber man hat doch oft das Gefühl, dass sie sich nicht richtig in die Zeit hinein versetzen können oder sich grundsätzlich nur oberflächlich damit auseinandergesetzt haben. Das ist bei Crow nicht der Fall, selbst dann nicht, wenn er Professor Harker Erklärungen zu seinem Fachbereich - Aberglaube, Magie oder Archäologie - geben lässt. Das ist stets alles andere als Infodump und hat sogar mich, der ich ja gerade selbst in diesem Bereich arbeite, nicht selten mit der Zunge schnalzen lassen. Ungewöhnlich für das Medium ist auch die Tiefe und Lebendigkeit der Figuren. Natürlich hat ein Autor auf nur wenigen Seiten keinen Platz für definitive Figurenzeichnungen; die meisten müssen notgedrungen platt und oberflächlich bleiben, um den Fokus auf die Handlung zu legen. Aber Morgan braucht nicht viel, um wirklich jede Figur zum Leben zu erwecken. Das ist kein Trick, sondern die Liebe eines Autors zu seinen Figuren. Man kann sich leicht vorstellen, wie er sich selbst voller Neugier, wie es denn weitergeht, an die Tastatur begibt. Die besten Autoren lassen sich tatsächlich von ihren Figuren ihre Geschichte erzählen und versuchen nicht, alles selbst zu bestimmen.
Wer jetzt glaubt, dass Heftromanleser an eine gewisse Plakativität gewöhnt sind und die Feinheiten eines wirklich guten Autors gar nicht bemerken würden, der irrt auch hier. Zwar werden einige Morgan D. Crow einfach als einen der zahlreichen neuen Autoren sehen, die einen weiteren Versuch starten, ihr Ermittlerteam in den Ring zu schicken, aber die Reaktionen auf seine Musgrave-Romane sind für heutige Zeiten doch merklich positiv.
Interessant ist außerdem die Namensgebung, die Kennern bereits viel über die angesprochene Atmosphäre verraten kann. Da ist einmal natürlich Musgrave Hall, das einen direkten Verweis zu Musgrave Manor aus einer Sherlock Holmes-Geschichte darstellt, ein Herrenhaus, das seit vielen Jahrhunderten im Besitz der Familie Musgrave ist. Natürlich hat Lady Fitzgibbon von Musgrave nichts mit dieser Familie zu tun, deren Mann Henry vor Kurzem verstarb und nicht nur Elizas Ehemann war, sondern auch der Freund und Förderer von Professor Harker. Lady Fitzgibbon trägt hier den wundervollen Namen der normannischen Invasoren, die im 12. Jahrhundert nach Irland vorstießen.
Und Harker? Ist natürlich eine Referenz an Bram Stokers Jonathan Harker, der im Roman "Dracula" ein Rechtsanwalt ist. Klingende Namen überall. Sieht man sich etwas im Netz um, hört man oft von einer Nähe zu den englischen Grafschaften einer Agatha Christie als grundsätzliches Setting, und obwohl ich das nicht bestätigen kann, ist doch klar, dass der Begriff Cozy Crime - also der "gemütliche Krimi" durchaus der Vorsatz dieser "gemütlichen Gruselgeschichten" sein kann. Wie die etwas schrullige Miss Marple ist auch Eliza Fitzgibbon eine etwas eigenwillige und sehr liebenswerte (wenn auch junge) Dame, die ein ausgesprochenes Faible für Schusswaffen hat. Auch ihr Butler Dillinger hat natürlich einen sprechenden Namen verpasst bekommen und wird als die definitive Figur eines loyalen englischen Butlers eingeführt, obwohl er witzigerweise deutscher Provenienz ist.
Die Referenzen enden aber keineswegs hier, man kann sich in jedem einzelnen Roman den Spaß erlauben, altehrwürdige Filme und Kriminalromane ausfindig zu machen, die wahrscheinlich in der Zeitfalte, die der Autor nutzt, zur Verfügung stehen. Und das ist ein Mehrwert, der natürlich nicht notwendig ist, um die großartigen Abenteuer zu genießen, aber wer sich dem Nerdtum verpflichtet fühlt, hat hier eine schöne zusätzliche Aufgabe vor sich, die zu einigen erstaunlichen Gimmicks führt.
Es bleibt mir nur die Aufforderung an alle, die möglicherweise - aus welchen irrationalen Gründen auch immer - Heftromane an sich meiden, sich hier persönlich zu überzeugen. Und zwar jetzt gleich.
Alle Musgrave-Romane inklusive einer Kurzgeschichte und einem Crossover mit der Reihe Professor Zamorra:
Gespenster-Krimi:
- 93 Der Schrecken aus dem Meer 03.05.2022
- 111: Die Bestie von Baldoon 10.01.2024
- 123 Der Dämon von Talamh 27.06.2023
- 131 Die Klauenhände von Milchester 14.10.2023
- 133 Der lange Mann 11.11.2023
- 145 Geister, die in Wänden lauern 27.04.2024
- 152 Die verlorenen Mädchen 03.08.2024
- 159 Der Kuss der bösen Fee 09.11.2024
- 162 Gespenstische Weihnacht 21.12.2024 (Kurzgeschichte)
- 181 Die Stunde der Hexen 13.09.2025
Professor Zamorra
- Professor Zamorra 1339 Im Schatten der Lamia 20. September 2025 (auch erschienen als Hörspiel).

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